Mietobergrenzen lösen die Wohnungsknappheit nicht. Sie mildern sie lediglich.

Dr. iur. Alexander Schiemenz, LINDEMANNLAW – FuW-Kommentar, Juni 2026

Wer die Mieten deckelt, baut keine Wohnungen. Er verteilt die Knappheit neu. Genau darin liegt das Problem der aktuellen Welle wohnungspolitischer Regulierungen, die derzeit über die Schweiz hinwegrollt. Am 14. Juni wird in Zürich über die Initiative zum Schutz des Wohnraums abgestimmt. Basel hat bereits gezeigt, was daraus folgt. Bern, Genf und Waadt prüfen ähnliche Regelungen. Was wie kantonale Sozialpolitik aussieht, ist in Wirklichkeit eine Weichenstellung für die Wohnungspolitik des ganzen Landes – einer Schweiz, die auf zehn Millionen Einwohner zusteuert.

Die Diagnose ist zutreffend: In Städten mit niedrigen Leerstandsquoten, steigenden Baukosten und anhaltendem Zuwanderungsdruck ist der Wohnungsmarkt zu einer Frage der Verteilung geworden. Bezahlbarer Wohnraum ist ein legitimes politisches Ziel. Über die Mittel dazu lässt sich jedoch streiten.

„Der Preis ist nicht die Ursache der Wohnungsknappheit. Er ist ihr Symptom. Wer nur den Preis reguliert, bekämpft das Thermometer statt das Fieber.“

Der politisch verlockende Trugschluss

Mietobergrenzen haben einen grossen Vorteil: Sie sind leicht zu erklären. Hohe Mieten – also begrenzen wir sie. Das ist einprägsam, emotional nachvollziehbar und bereit für eine Volksabstimmung.

Wirtschaftlich gesehen ist das zu vereinfachend. Der Preis ist nicht die Ursache der Wohnungsknappheit. Er ist vielmehr ein Symptom dafür. Hohe Mieten deuten darauf hin, dass es dort, wo die Menschen leben möchten, zu wenige Wohnungen gibt. Wer nur den Preis reguliert, ohne das Angebot zu erhöhen, bekämpft das Thermometer statt das Fieber.

Kurzfristig können Mietobergrenzen einzelne Haushalte entlasten – das steht ausser Frage. Mittelfristig setzen sie jedoch falsche Anreize: weniger Investitionen, weniger Renovierungen, mehr bürokratische Hürden, mehr Ausweichmanöver. Letztendlich gibt es nicht mehr bezahlbare Wohnungen, sondern weniger verfügbare.


Basel warnt

Basel-Stadt liefert in Echtzeit ein abschreckendes Beispiel. Seit 2022 gelten strenge Vorschriften zum Schutz des Wohnungsbestands. Die Folge: rückläufige Renovierungsaufträge, neue Genehmigungsverfahren, Rechtsstreitigkeiten und mehrjährige Überwachungsfristen. Einige Vorschriften mussten bereits im November 2025 gelockert werden, da Renovierungen zu stark unterbunden wurden.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im Rahmen des vereinfachten Wohnraumsicherungsverfahrens sinkt die Rendite auf die Baukosten bei einer Renovation auf 1,3 Prozent, verglichen mit 2,7 bis 3,4 Prozent nach dem Schweizer Mietrecht. Bei den heutigen Zinssätzen, regulatorischen Anforderungen und Baukosten renoviert niemand für 1,3 Prozent. Das ist kein Zufall. Es ist das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, das Investitionen erschwert und Renditen politisch begrenzt.

Energieeffiziente Sanierungen, Modernisierungen der Gebäudetechnik, umfassende Renovierungen – genau das, was die Klimaziele erfordern – sind finanziell nicht mehr tragbar. Ein Haus, das durch Vorschriften in der Zeit stehen geblieben ist, ist nicht sozialer. Es ist einfach nur älter.

Aufbauen, nicht blockieren

Der zentrale sozialpolitische Mangel der Mietpreisbindung liegt in ihrer Zielausrichtung. Sie kommt nicht in erster Linie den Bedürftigsten zugute, sondern jenen, die bereits Zugang zum regulierten Wohnungsbestand haben.

Wer eine bezahlbare, preisgebundene Wohnung hat, bleibt dort. Selbst wenn sie zu gross geworden ist. Selbst wenn sich der Arbeitsort ändert. Jeder Umzug wird zu einer finanziellen Belastung, da die neue Miete höher sein wird. Dies führt zu Bindungswirkungen: Einzelpersonen in Familienwohnungen, Familien ohne Zugang zu grösseren Wohnungen, sinkende berufliche Mobilität. Der bestehende Wohnungsbestand wird weniger effizient genutzt.

Die richtige Antwort lautet: mehr Angebot – schnellere Baugenehmigungen, dichtere Bebauung, die Erschliessung von Baugrundstücken und die Verkürzung von Verfahren. Und es bedarf einer anderen Denkweise in Bezug auf das Bauen. Eine Schweiz mit zehn Millionen Einwohnern ist keine raumplanerische Bedrohung – sie ist eine gestalterische Herausforderung. 15-Minuten-Quartiere, Plusenergiehäuser, neue Mobilitätskonzepte: All dies wird bereits heute gebaut, in Rotkreuz, in Hamburg, in Kopenhagen. Es mangelt nicht an Land. Es mangelt an Investitionssicherheit.

Soziale Ziele lassen sich gezielter erreichen: gemeinnütziger Wohnungsbau, gezielte Wohnbaubeihilfen, Vorschriften für Entwicklungsgebiete mit kalkulierbaren Erträgen. Der Gegenvorschlag zur Zürcher Initiative geht in diese Richtung.

Die Wohnungsknappheit ist real. Genau deshalb sollte man ihr nicht mit symbolischer Politik begegnen. Eine Mietpreisbremse schafft keinen einzigen Quadratmeter zusätzlichen Wohnraum. Sie erhöht die Verwaltungskosten, verlangsamt Sanierungen und wälzt die Knappheit auf diejenigen ab, die noch keine Wohnung haben. Was wie Schutz aussieht, ist in Wirklichkeit die Bewirtschaftung der Knappheit mit einem sozialen Etikett.

Mietobergrenzen lösen die Wohnungsknappheit in der Schweiz nicht – sie verschärfen sie sogar noch. Warum eine Reform des Baurechts und Investitionssicherheit die richtigen Antworten auf die Wohnungskrise sind.

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